Unterschiedliche Dynamik in der globalen Putenfleischerzeugung

PROF. I. R. Dr. Hans-Wilhelm Windhorst

Schlagwörter: Geflügelwirtschaft; Geflügelfleischerzeugung; Putenfleischerzeugung; Erzeugerländer

 

Im Gegensatz zur Welterzeugung von Hühnerfleisch, die zwischen 2008 und 2018 um etwa 34 Mill. t bzw. 41,3 % angestiegen ist, nahm die Putenfleischerzeugung nur um 193.000 t oder 3,4% zu. Dabei unterschied sich die Dynamik in den führenden Erzeugerländern und Regionen beträchtlich. In diesem Beitrag soll ein Überblick über die weltweite Entwicklung und in einzelnen Erzeugerländern gegeben werden.

 

Gegenläufige Dynamik in den USA und der EU

Abbildung 1 zeigt, dass sich die Erzeugung von Putenfleisch auf globaler Ebene und in der EU im betrachteten Jahrzehnt nur geringfügig verändert hat, in den USA, das die Produktion dominiert, sogar rückläufig war. Während in der EU ein Anstieg um 186.000 t bzw. 10,6 % zu
verzeichnen war, nahm das Produktionsvolumen in den USA um 167.400 t bzw. 5,9 % ab.

Abbildung 1:
Die Entwicklung der Putenfleischerzeugung zwischen 2008 und 2018 weltweit sowie in den USA und der EU
(Quelle: FAO Datenbasis)

 

 

Europa und Amerika dominieren in der Erzeugung

Während Hähnchenfleisch in allen Kontinenten erzeugt wird und hohe Wachstumsraten aufweist, ist die Produktion von Putenfleisch sehr stark regional konzentriert. Im Jahr 2018 hatten die Länder Europas und des amerikanischen Doppelkontinents einen Anteil von 90.3% an den weltweiten Putenschlachtungen und stellten 93,4% der Putenfleischerzeugung (Tab. 1). Die durchschnittlichen Schlachtgewichte unterschieden sich beträchtlich. Während in Nordamerika mit 11,0 kg der Höchstwert erreicht wurde, was auf eine intensive Hahnenmast hindeutet, lag er mit nur 3,5 kg in Ozeanien weit darunter. Hier sind die kleinen Hinterhofhaltungen außerhalb Australiens und Neuseelands die entscheidende Ursache für den niedrigen Wert.

Tabelle 1:
Putenschlachtungen und Putenfleischerzeugung im Jahr 2018, getrennt nach Kontinenten
(Quelle: FAO Datenbasis)


*Rundungsfehler

Aus Tabelle 2 wird deutlich, dass die regionale Konzentration sehr hoch ist. In der Zusammensetzung und Rangfolge der Länder spiegelt sich die herausragende Stellung Europas und Amerikas wider. Die USA und Brasilien vereinigten 2018 49,9% der weltweiten Putenschlachtungen und 55,0% der globalen Putenfleischerzeugung auf sich. Auch auf Länderebene wichen die durchschnittlichen Schlachtgewichte sehr voneinander ab. Die höchsten Werte wurden in den USA, Deutschland und dem Vereinigten Königreich erreicht. Deutlich darunter rangierten Polen und Brasilien. Der niedrige Wert in Polen ist auf die starke Ausrichtung auf die Hennenmast zurückzuführen, während in den USA, Deutschland und dem Vereinigten Königreich bevorzugt Hähne gemästet werden. Der Unterschied zwischen Polen und Deutschland könnte sich schnell ändern, wenn die Mäster in Polen wegen der höheren Gewinnmöglichkeiten auf die Hahnenmast umschwenken würden. Auf die dann daraus resultierenden Probleme bei der Verwendung der in Deutschland erbrüteten weiblichen Küken soll an dieser Stelle nur hingewiesen werden.

Neben den USA und Brasilien wurden auch in einigen anderen amerikanischen Ländern Puten für den inländischen Markt und den Export gemästet. Kanada, Chile und Argentinien belegten die Plätze hinter den USA und Brasilien (Tab. 3). Die durchschnittlichen Schlachtgewichte in den USA und Chile erreichten die höchsten Werte, am niedrigsten waren sie in Argentinien und Mexiko. Mexiko ist als Haupteinfuhrland von Putenfleisch ein wichtiges Zielland für die Ausfuhren der USA, Brasiliens und Argentiniens.

Tabelle 2:
Die zehn führenden Länder in der Putenschlachtung und Putenfleischerzeugung im Jahr 2018
(Quelle: FAO Datenbasis)

Tabelle 3:
Die sechs führenden Länder Amerikas in der Putenschlachtung und Putenfleischerzeugung im Jahr 2018
(Quelle: FAO Datenbasis)


Gewinner und Verlierer bei den führenden Erzeugerländern

Eine genauere Analyse der Dynamik der Putenfleischerzeugung in den zehn führenden Ländern zeigt große Unterschiede (Tab. 4). In sechs Ländern ist das Produktionsvolumen im betrachteten Jahrzehnt angestiegen, in vier Ländern demgegenüber gefallen. Die höchsten absoluten Zunahmen wiesen Spanien, Brasilien und Polen auf, den stärksten Rückgang die USA, Frankreich und Kanada. Die Produktionssteigerung in Spanien, Brasilien und Polen ist neben der wachsenden Inlandsnachfrage vor allem auf die stark gestiegenen Exporte zurückzuführen. Der deutliche Produktionsrückgang in den USA und Kanada ist eine Folge des abnehmenden Pro-Kopf-Verbrauchs. In den USA ist er innerhalb der zehn betrachteten Jahre von 8,0 kg auf 7,3 kg gesunken, in Kanada von 4,9 kg auf 4,4 kg. Der Produktionseinbruch in Frankreich um 18,3% hat zwei Ursachen. Zum einen ist der Pro-Kopf-Verbrauch von 5,1 kg auf 4,7 kg gesunken, zum anderen hat man sich zu lange auf die Hennenmast und die Ausfuhr ganzer Tiere konzentriert und damit hohe Marktanteile verloren, weil die nachgefragten Teilstücke schwererer Tiere nicht bereitgestellt werden konnten. Die positive Entwicklung in Deutschland ist auf einen stabilen Inlandsverbrauch und steigende Ausfuhren zurückzuführen.

Tabelle 4:
Die Veränderung der Putenfleischerzeugung in den zehn führenden Ländern zwischen 2008 und 2018

(Quelle: FAO Datenbasis)


Fazit

Die globale Erzeugung von Putenfleisch wies zwischen 2008 und 2018 die geringsten Steigerungsraten auf. Dies ist zum einen darauf zurückzuführen, dass diese Fleischart in Asien, sieht man Israel ab, keine Tradition als Lebensmittel hat, wodurch die großen Wachstumsmärkte wegfielen. Zum anderen stagnierte der Pro-Kopf-Verbrauch in den wichtigsten Erzeugerländen Europas, den USA und Kanada oder war sogar deutlich rückläufig. Putenfleisch hat außerdem, sieht man von wenigen Ausnahmen ab, bislang keinen Eingang in die großen Ketten der Systemgastronomie gefunden. Mit der anhaltenden Steigerung der Schlachtendgewichte in der Hähnchenmast können auch attraktive Teilstücke angeboten werden, die vergleichbare Produkte aus Putenfleisch aus dem Markt drängen. Deutlich angestiegen ist das Produktionsvolumen allerdings in Spanien, Brasilien und Polen. Diese Entwicklung ist weniger auf eine starke Zunahme des Inlandsbedarfs zurückzuführen, sondern auf die Ausweitung der Ausfuhren. Es gelang diesen Ländern Zugang zu neu hinzukommenden Märkten zu finden bzw. die USA oder Frankreich Markanteile abzunehmen.


Datenquelle

FAO database: http://www.fao.org/faostat

Foto: S. Freiwald für WING

 

 

Fotoquelle: Timo Lutz Werbefotografie, www.timo-lutz.de