14.02.2020

Brexit- und was nun?

Die Situation der Geflügelwirtschaft der EU nach dem Austritt des Vereinigten Königreichs

Hans-Wilhelm Windhorst1

 

Mit dem Austritt des Vereinigten Königreichs (VK) aus der EU zum 31.01.2020 verließ eines der führenden Länder in der Erzeugung von Eiern und Geflügelfleisch die Gemeinschaft. Im Jahr 2018 rangierte das VK mit einem Anteil von 10,1 % an der Eiererzeugung der EU (28) auf dem fünften Rangplatz. Beim Geflügelfleisch lag es sogar an zweiter Stelle hinter Polen mit einem Anteil von 11,9 % am EU-Produktionsvolumen.

In diesem kurzen Überblick sollen die eingetretenen Veränderungen dokumentiert werden.


Deutliche Abnahme der Erzeugung

Durch den Austritt des VK hat die Bevölkerungszahl der EU um 66,6 Mill. oder 13.0 % abgenommen, sie liegt nur noch bei 446,9 Mill. Damit geht der drittgrößte Käufermarkt nach Deutschland und Frankreich verloren. Das Bruttosozialprodukt der EU (28) ist mit einer Verringerung um 2,8 Bill. US-$ oder 15,1 % sogar noch stärker zurückgegangen, was beträchtliche Auswirkungen auf die zukünftige Wirtschaftsentwicklung in der EU (27) und dem VK haben wird.

Einen Überblick auf die Veränderungen in der Geflügelwirtschaft gibt Tabelle 1. Die Zahl der in der EU (28) eingestallten Legehennen ist durch den Austritt um 46,6 Mill. oder 11,7 % gesunken, als Folge nahm die Eiererzeugung um 765.000 t oder 10,1 % ab. Der niedrigere Wert ist dadurch bedingt, dass im VK im Jahr 2018 51,7 % der Hennen in Freilandhaltungen gehalten wurden, aber nur 44,2 % in ausgestalteten Käfigen. Die geringere Legerate in der Freilandhaltung erklärt den Unterschied.

Die Erzeugung von Geflügelfleisch nahm um 1,88 Mill. t oder 11,9 % ab. Betrachtet man die Entwicklung bei den einzelnen Geflügelfleischarten, wird deutlich, dass die Erzeugung von Hähnchenfleisch mit einer Abnahmerate von 13,1 % vor allem betroffen war. Der Rückgang der Erzeugung von Puten- und Entenfleisch fiel demgegenüber deutlich ab.

Tabelle 1:
Die Veränderung der Eier- und Geflügelfleischerzeugung in der EU durch den Austritt des Vereinigten Königreichs
(Quelle: MEG-Marktbilanz Eier und Geflügel 2019)

               

 

Tabelle 2:
Der Anteil des Vereinigten Königreichs am Außenhandel Deutschlands mit Konsumeiern und Geflügelfleisch (2018)
(Quelle: eigene Berechnungen; MEG-Marktbilanz Eier und Geflügel 2019)            

 

 

Auswirkungen auf den Handel mit Eiern und Geflügelfleisch

Im Vergleich zum Außenhandel der Niederlande, Polens und auch Deutschlands war der Handel des VK mit Eiern deutlich geringer. Im Jahr 2018 wurden nur etwa 48 Mill. Konsumeier nach Deutschland exportiert und 23 Mill. aus Deutschland importiert (Tabelle 2). Bedeutender war der Handel mit Geflügelfleisch. So wurden nahezu 29.800 t aus dem VK importiert, was einem Anteil von 4,3 % an den deutschen Gesamtimporten entsprach. Bei den deutschen Exporten von Geflügelfleisch erreichte das VK eine noch bedeutendere Stellung. Von den Gesamtausfuhren entfielen 6,4 % auf das VK.

Für einige andere Mitgliedsländer der EU würde der Wegfall des freien Marktzugangs weitaus größere Auswirkungen haben. Von den 1,46 Mill. t Geflügelfleisch, die von den Niederlanden 2018 exportiert wurden, gingen laut MEG 261.667 t in das VK, was einem Anteil von 17,7 % entsprach. Polen führte 109.276 t in das VK aus, das entsprach 8,3 % der Gesamtausfuhren. Stärker betroffen wird auch Irland sein, das enge Handelsbeziehungen zum VK unterhält. Das VK führte 31.761 t Geflügelfleisch aus Irland ein und 44.390 t nach Irland aus. Der Wegfall dieses Handels wäre für die irischen Geflügelhalter nicht so leicht zu kompensieren.


Fazit

Mit dem Austritt des VK hat die EU nicht nur 13 % der Bevölkerung verloren, sondern die nach Deutschland zweitstärkste Volkswirtschaft. Welche Auswirkungen daraus erwachsen, wird sich erst nach Abschluss der Verhandlungen zwischen der EU (27) und dem VK zeigen. Das VK verfügt über eine leistungsfähige Geflügelwirtschaft. Durch das Verlassen der EU schrumpfen deren Legehennenbestände, die Eier- und Geflügelfleischerzeugung zwischen 10 % und nahezu 12 %. Im Handel mit Eiern und Geflügelfleisch wird die deutsche Geflügelwirtschaft vom Austritt weniger stark betroffen sein als Polen, die Niederlande und Irland. Auch hier bleibt abzuwarten, welche vertraglichen Regelungen die auszuhandelnden Verträge bringen werden.

 


Datenquellen

AHDB (Ed.): Poultry Pocket Book 2018. Kenilworth, UK 2019.

MEG-Marktbilanz Eier und Geflügel 2019. Stuttgart 2019.


 

1Der Verfasser ist Prof. i. R. und Wiss. Leiter der Forschungseinrichtung Wissenschaft und Innovation für Nachhaltige Geflügelwirtschaft (WING) der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover am Standort Vechta.

 

Foto: Timo Lutz

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