14.02.2020

Die Geflügelwirtschaft der EU vor einem dynamischen Jahrzehnt

Hans-Wilhelm Windhorst1

 

Vorbemerkung

Im Dezember 2019 fand in Brüssel die 5. EU Agricultural Outlook Konferenz statt. Diese Konferenz ist nach US-amerikanischem Vorbild eingerichtet worden, um eine Prognose für die Entwicklung der Erzeugung und des Verbrauchs der wichtigsten Agrargüter sowie des Handels mit diesen Gütern zu entwickeln. Die Konferenz im Dezember 2019 stand vor der schwierigen Situation, wie mit dem Vereinigten Königreich (VK) zu verfahren sei, das zu diesem Zeitpunkt noch Mitglied der EU war. Die Prognosen gingen von dem damaligen Status Quo aus und der Prämisse, dass die Handelsbeziehungen zwischen der dann EU (27) und dem VK ohne Einschränkungen weitergeführt würde und der Importstopp Russlands Ende des Jahres 2020 aufgehoben wurde. Mögliche Auswirkungen von Verhandlungen mit MERCOSUR und ASEAN bzgl. Marktöffnungen wurden nicht berücksichtigt.

 

Starkes Wachstum der Konsumeiererzeugung erwartet

Die Welterzeugung von Schaleneiern hat sich in den zurückliegenden 40 Jahren äußerst dynamisch entwickelt. Sie stieg von 26,2 Mill. t im Jahr 1980 auf 76,7 Mill. t im Jahr 2018 oder um 192,7 % an. Die Eiererzeugung in der EU nahm im selben Zeitraum nur von 6,6 Mill. t auf 7,1 Mill. t oder 7,5 % zu (Abb. 1). Die geringere Steigerungsrate ist dadurch bedingt, dass bereits 1980 Verbrauch und Erzeugung in der EU sehr hoch waren. Das globale Wachstum ist im betrachteten Zeitraum vor allem in den Schwellenländern und einigen Entwicklungsländern erfolgt, in denen die Nachfrage nach Eiern stark angestiegen ist.

Im Agricultural Outlook der EU wird davon ausgegangen, dass die Eiererzeugung von 7,1 Mill. t im Jahr 2020 auf nahezu 7,7 Mill. t im Jahr 2030 oder um 7,4 % ansteigen wird (Tab. 1). Der Verbrauch soll um 471.000 t oder 6,8 % wachsen. Das prognostizierte Wachstum von Verbrauch und Erzeugung ist eine Folge des Anstiegs des Pro-Kopf-Verbrauchs von 13,4 kg auf 14,3 kg oder um 6,7 %. Der hohe Selbstversorgungsgrad der EU von 103 % (2018) macht Importe unnötig, erklärt aber das steigende Exportvolumen.

              

Abbildung 1:
Die Entwicklung der Eiererzeugung in der EU zwischen 1980 und 2018; in 1.000 t
(Quelle: EU Agricultural Outlook 2019-2030)                   

 

Tabelle 1:
Die Entwicklung der Marktbilanz für Schaleneier in der EU zwischen 2020 und 2030; Angaben in 1.000 t Verkaufsgewicht
(Quelle: EU Agricultural Outlook 2019-2030)

 

Eine genauere Analyse der Entwicklung im laufenden Jahrzehnt zeigt, dass eine recht gleichmäßige Steigerung der Erzeugung über den gesamten Zeitraum erwartet wird. Die geringere Zunahme des Pro-Kopf-Verbrauchs in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts wird durch die Bevölkerungszunahme kompensiert.

Ob und in welchem Umfang Eierersatzprodukte auf pflanzlicher Basis oder durch Zellkulturen im laufenden Jahrzehnt bereits höhere Marktanteile erreichen werden, ist kaum abschätzbar. In den USA ist der Volleiersatz JUST Egg sehr erfolgreich und wird von nahezu allen großen Lebensmittelketten gelistet. Das Vertriebsrecht für das aus Mungbohnen erzeugte Produkt liegt in Deutschland beim Unternehmen Wiesenhof. Die Markteinführung ist bislang noch nicht erfolgt, weil dem noch Zulassungsprobleme entgegenstehen.

 

Dynamische Entwicklung beim Geflügelfleisch wird sich fortsetzen

Die seit 1980 auf globaler Ebene zu beobachtende sehr dynamische Entwicklung der Geflügelfleischerzeugung wird sich auch im laufenden Jahrzehnt fortsetzen. Allerdings ist zu erwarten, dass die Wachstumsraten in der EU deutlich niedriger ausfallen (Abb. 2).

Abbildung 2:
Die globale Geflügelfleischerzeugung in der EU zwischen 1980 und 2018; Angaben in 1.000 t Verkaufsgewicht                                           (Quelle: EU Agricultural Outlook 2019-2030)

Während die Welterzeugung von Geflügelfleisch zwischen 1980 und 2020 um101 Mill. t. oder 490% gestiegen ist, wuchs die Erzeugung in der EU nur um 9 Mill. t oder 144%. Allein aus diesen Werten wird erkennbar, dass eine schnelle Steigerung, sieht man einmal von den USA ab, vor allem in den Schwellenländern erfolgt ist, in denen die Nachfrage ebenso wie für Eier deutlich zugenommen hat.

Tabelle 2 zeigt, dass für die zweite Hälfte des Jahrzehnts eine geringere absolute und relative Zunahme der Erzeugung und des Verbrauchs erwartet wird. Eine Ursache ist in dem langsamer steigenden Pro-Kopf-Verbrauch zu sehen. Während in der ersten Hälfte des Jahrzehnts eine Zunahme um 0,6 kg prognostiziert wird, soll in der zweiten Hälfte nur noch ein Anstieg um 0,3 kg erfolgen. Exporte und Importe sollen im betrachteten Zeitraum jeweils um etwa 100.000 t steigen. Die Prognosen für den Handel sind allerdings recht unsicher. Sollte es zwischen der EU und MERCOSUR zu Vereinbarungen kommen, die eine merkliche Absenkung der Zollsätze für tierische Erzeugnisse beinhalten, ist davon auszugehen, dass die Geflügelfleischausfuhren von Hähnchen- und Putenfleisch Brasiliens und Argentiniens in die EU deutlich zunehmen werden. Dies hätte dann Auswirkungen auf die Erzeugung in der EU, weil wegen der höheren Produktionskosten die Wettbewerbsfähigkeit der geflügelhaltenden Betriebe abnehmen würde.

Tabelle 2:
Die Entwicklung der Marktbilanz für Geflügelfleisch in der EU zwischen 2020 und 2030; Angaben in 1.000 t Verkaufsgewicht
(Quelle: EU Agricultural Outlook 2019-2030)

Es ist davon auszugehen, dass Ersatzprodukte auf pflanzlicher Basis und auch Geflügelfleisch aus Zellkulturen bis 2030 an Bedeutung gewinnen werden. Die Angebotspalette einer Reihe von Unternehmen, die der Startup-Phase entwachsen sind, und auch großer Lebensmittelkonzerne wächst schnell. Auch im Bereich der Erzeugung aus Zellkulturen machen einige Startups Fortschritte, so dass schon in wenigen Jahren Nuggets Eingang in das Angebot der Systemgastronomie finden werden. Das finanzielle Engagement führender Unternehmen in der Erzeugung von Geflügelfleisch in der EU, aber auch in den USA und Brasilien, zeigt, dass hier ein erfolgversprechender Markt gesehen wird. Wenn man davon ausgeht, dass 2030 zwischen 15% und 20% der Nachfrage aus diesen Segmenten als möglich angesehen werden, wird dies Auswirkungen auf die konventionelle Erzeugung haben. Einige Prognosen, die in jüngster Zeit veröffentlicht wurden, dürften jedoch wenig realistisch sein, insbesondere was den Anteil des Geflügelfleisches aus Zellkulturen angeht. Die Wettbewerbsfähigkeit dieser neuen Technologie zeichnet sich angesichts der exzellenten Futterverwertungsrate und des geringen Energiebedarfs in der Hähnchenmast kurzfristig noch nicht ab.

 

Zusammenfassung und Ausblick

Der im Dezember 2019 von der EU Kommission verabschiedete Agricultural Outlook geht davon aus, dass die Erzeugung und der Verbrauch von Eiern und Geflügelfleisch zwischen 2020 und 2030 deutlich zunehmen werden, allerdings mit niedrigeren Steigerungsraten als auf globaler Ebene. Die Ursache für die sich abzeichnende Dynamik ist im wachsenden Pro-Kopf-Verbrauch zu sehen. Niedrige Produktionskosten aufgrund ausgezeichneter Futterverwertungsraten, das Fehlen religiöser Barrieren bzgl. des Verzehrs, die vielseitige Verwendbarkeit und die feste Position in der Systemgastronomie werden auch im laufenden Jahrzehnt das Wachstum in der Erzeugung und im Verbrauch von Eiern und Geflügelfleisch steuern.


Datenquelle und weiterführende Literatur

EU Commission (Ed.): EU Agricultural Outlook for Markets and Income 2019-2030: agricultural-outlook-2019-report_en.pdf.

FAO Datenbasis: http://www.fao.org.

Windhorst, H.-W.: Fleisch und Fisch aus Zellkulturen. In: Fleischwirtschaft 99 (2019), Nr. 2, S. 50-53.

Windhorst, H.-W.: Die neue Welt der Proteine -Teil 2: Ei-Ersatzherstellung weit vorangeschritten. In: Deutsche Geflügelwirtschaft und Schweineproduktion 71 (2019), Nr. 43, S. 4-5.


 

1 Der Verfasser ist Prof. i. R. und Wiss. Leiter der Forschungseinrichtung Wissenschaft und Innovation für Nachhaltige Geflügelwirtschaft (WING) der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover am Standort Vechta.

 

 


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